Blumberg

LESEPROBE:

Die Taube auf dem Keyboard setzte das rechte Bein zurück, als sie den Luftzug von der Tür wahrnahm, und wandte ruckend den Kopf. Das glitzernde, kalte Auge ruhte eine Weile auf Isa Blumberg, die den Raum betrat. Dann neigte die Taube äugend den Kopf, als schätze sie die Absichten der Frau ein.

„Haub ab! Verschwinde! Flieg!“, sagte Isa Blumberg leise, mehr zu sich selber als zu dem Vogel. Sie schloss die Tür hinter sich. „Hau ab“, wiederholte sie, aber noch leiser als zuvor. Sie wollte, dass der Vogel es hörte und sich in die heiße, verbrauchte Luft schwang, aber sie wollte auch, dass er es nicht hörte und blieb, wo er war. Damit alles zu einem Ende kam.

Die Taube flog auch dann nicht weg, als Isa noch näher kam. Sie hätte es aber besser getan. Wäre besser weggeflogen. Aber wohin? Der riesige Raum, hoch und weit wie ein Kirchenschiff, war leer, bis auf einen Tisch, auf dem die Computersteuerung stand.

Die Fensterfront zum Hof bestand aus Hunderten, wenn nicht Tausenden von buchseitengroßen Glasscheiben, die in sechs oder sieben Meter hohe, schwarze Eisenrahmen gekittet waren. Und irgendwo musste es eine geben, die nicht mehr heil war. Durch dieses Loch hatte die Taube von außen hineingefunden. Vor Stunden, vielleicht vor Tagen.

Die Taube, dachte Isa, wusste nicht, dass es unmöglich war, dieses Loch wiederzufinden. Die Taube wusste auch nicht zu deuten, was es mit den Skeletten ihrer Artgenossen auf sich hatte, die entlang der Fensterfront die schweren Bohlen des Bodens bedeckten. Ihr Hirn, groß wie die Hälfte einer Erdnuss, befahl ihr nur, zu trinken. Aber in dem Raum gab es nichts, außer den gespinstartigen, mit Federn verklebten Skeletten und dem hartgetrockneten Kot der Vögel, der sich mit den alten, grauen Bohlen verbunden hatte.

Die Taube musste wahnsinnig durstig sein. Aber Isa empfand kein Mitleid. Eine Taube war kein Tier, das einem leidtat. Aber warum flog sie nicht weg? War sie zu erschöpft? War es ihr egal, dass die Frau immer näher kam? Letzte Chance, du dummes Tier.

Isa hatte sich ihr bis auf fünf Schritt genähert. Und noch immer beließ es die Taube bei ihren flackernden Blicken. Also musste es wohl sein. Die Taube würde in jedem Fall sterben. Die Frage war nur, wieviel Schaden sie noch anrichten konnte.

Tu es. Tu es. Tu es jetzt.

Isa hob die Hand mit der Druckluftpistole, machte den Arm lang und visierte über Kimme und Korn, ohne ein Auge zu schließen. Sie wusste, wie man das richtig machte. Wie Polizisten und Personenschützer. Beide Augen offen halten. Niemals den Überblick verlieren. Das Korn, genau im V der Kimme, erschien auf dem blauen Federstreifen der Taubenbrust. Isa hielt den Atem an. Sie drückte ab.

Sie hörte den gedämpften Knall, aber ihr schien, als hörte sie ihn nicht außen in dem riesigen Raum, sondern in sich drin. Er löste eine Welle eines bekannten Schmerzes aus, die sie für einen Moment die Augen schließen ließ. Aber sie konnte noch sehen, wie die Taube fiel. Isas Herz blieb stehen. Es fühlte sich an, als würde es sich mit schwerem dickflüssigem Lehm füllen.

Sie hatte erwartet, dass die Taube noch einmal, zweimal mit den Flügeln schlagen würde, dass sie vielleicht nicht richtig getroffen hatte und noch einmal schießen müsste, darauf hatte sie sich eingestellt, aber die Taube flatterte kein einziges Mal, sondern kippte mit angelegten Flügeln zur Seite, als wäre sie immer schon so steif gewesen, als hätte sie nie gelebt. Der Vogelkörper traf auf dem Holzboden auf. Es hörte sich an wie ein Klaps auf ein Kissen.  

Isa starrte auf die Tastatur, wo die Taube gerade noch gewesen war, entsetzt und darüber erschrocken, dass sie es tatsächlich getan hatte. Ihr Herz klopfte laut. Widerstrebend bewegte sie sich auf die Taube zu. Sie konnte den Vogel noch nicht sehen, da er hinter dem Tisch lag, wo sich ein Kabelsalat zum einem kleinen weißgrauen Turm kringelte. Sie trat an den Tisch. Der Ventilator des Computers hörte sich an wie der Atem all der sterbenden Vögel, die in dem Raum verdurstet waren. Der Luftstrom bewegte das im schmutzigen Licht glänzende Gefieder der Taube, plusterte es auf, als hätte der Tauber während eines Balztanzes einen Schwächeanfall erlitten.