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Die Knallbar Diaries (39)
Montag, 24. Oktober 2016, 15:33 Uhr
Abgelegt unter: Allgemein

Neulich hat Verleger Moss aus der Messe angerufen. Voll im Öl, wie man hier so sagt. Na ja, kein Wunder.
Ich las gerade eine dämliche Polemik von einem Linken, der gegen Menschen (so sagt man heute doch), die im Zug erster Klasse fahren, vom Leder zog. Er plädiert dafür die erste Klasse abzuschaffen.
Zu diesem Behufe klaut er ne Zeitung aus der ersten Klasse, um es den Geltungsschweinen mal so richtig zu zeigen:
Mit der Lektüre, die mir nicht zusteht, setze ich mich in einen Waggon, in dem ich sie nicht lesen kann: Ein Baby schreit, zwei Reihen weiter hinten telefoniert jemand zu laut, ein Damenkegelklub reicht Eierpunsch herum. Aber immerhin habe ich einen Akt zivilen Ungehorsams gegen die Erstklässler drei Wagen weiter vorn ausgeübt.”

Ja, genau. Die Demokratie muss alle gleich machen, und wenn sich der Pöbel schlecht benimmt, dann ist das eben doch ganz demokratisch die Mehrheit, und somit hat sich dem niemand zu entziehen. Na gut, mir wurscht. Ich bin Elite. Eine Minderheit, von der Mehrheit, rechts wie links, gehasst, weil ich mir erlaube, für mein Geld ein wenig Ruhe zu erkaufen. Genuss, sozusagen. Und wenn für einen Ruhe Genuss ist, dann ist er eben ein kapitalistisches Geltungsschwein, denn in der deutschen Demokratie erwirbt man Genuss durch Gebrüll auf dem Fußballplatz, im Bierzelt, oder durch unausgesetzt dummes Gequatsche in Zügen.

Aber jetzt bin ich abgeschwiffen (ziemlich elitäres Verb, wa?).
Moss ruft also an, fett, wie ein mieser Koch.
„Ey, Knallbar“, trompetet er ins Telefon, „wasnmidirlos? Wobissndenn? Dumüsssesthiersein.“
„Moss, du gefilte Speckamsel, lass mich in Ruhe. Ich hab schon schlechte Laune.“
„Ey, Knallbi, des woa itz oba ned Piesi, goa net.“
„Was gibts?“, lenke ich ein. Mit Betrunkenen soll man nicht rechten.
„Hast du schon gehört, dass diese deutsche Double vom Petzner  (Lebensmensch des seligen Jörg Haider. L.A. K.), nach seim Säuferziegel, gleich eine Ausnüchterungsbroschüre hinterher gschom hat? Hastes ghert? Oder nich?“
Ich hatte bereits davon gelesen, und sagte es Moss.
„No supa. Dann mochst jetzt a sowas. Aber andersherum…“
„Wie, andersherum?“
„Du schreibst itza an Ziegel, wo du die Sauferei lobst und preist, und dich über die Nüchternpussys lustig machst. Host ghert!“
„Klar, Moss. Mach mich gleich an die Arbeit.“
„Du kennst dich doch aus, mim Saufen und Koksen unso! Und lebst noch. Ich meine, der Scheiß konnt dir nix anhaben. Und das sollte endlich mal einer sagen, wie gut die Sauferei und die Drogen san. Clint hat schon recht: San ollas Pussys. Und Wappler. Pussys und Wappler. Hundert Bestseller über ein Haufen Nullen, die mim Saufen aufghert ham. Jetzt braucht die Welt ein Gegengewicht zu den Heulsusen. Einen Kerl. Einen gottverdammten Knallbar, vastehst…“
Ich hörte wie er kotzte. Es klang, als täte er es ihnen gewaltigen, dröhnenden Blecheimer.
Ich legte auf, wie man so sagt, obschon ich nicht auflegte, sondern nur den roten Knopf drückte. Eigentlich drückte ich ihn gar nicht, sondern tippte nur zart mit dem Finger drauf.

Es war alles nicht mehr so wie früher. Aber eigentlich wars noch wie früher. Déjà vu auf jeden Fall, was die Gleichmacherei anlangt. Musste ja so kommen.
Schreib ma hoit a urdentliches Säuferbuch. Zeit wär’s ja.



Die Knallbar Diaries (38)
Donnerstag, 20. Oktober 2016, 16:52 Uhr
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Moss will, ich nicht. Er sacht, ist sein gutes Recht, ich hätte mich vertraglich dazu verpflichtet. Stimmt. Aber ich mache den Putin. Scheiß auf den Vertrag, ist doch nur Papier. Und wie in der richtigen Politik kommt’s doch nur drauf an, wer welches Druckmittel hat. Ich bin der Bestsellerautor und er ist fuckin’ Moss who? Ein Verleger? Gibts tausende. Aber Bessie-Schreiber nicht so.
Also muss Moss allein nach Frankfurt. 80’000 Neuerscheinungen. Dieses Jahr. In deutscher Sprache. Meint der Moss, ich soll mir’n Depro aufziehen? Wie beim Besuch einer Krebsstation? Ist doch dasselbe. Alle hoffen darauf, dass es noch ein bisschen weitergeht, bis der Sensemann (irgendein Random House) dich niedermäht. Nichts für mich. Der Anblick von Kollegen deprimiert mich auch schon so. Wenn sie einzeln auch stark sein mögen, im Pulk sind sie ein Idiotenhaufen. Sach mer, ab drei Stück.

Außerdem lass ich mir grad die Muskeln wachsen und einen Nobelpreisträgerschnurrbart stehen. Die sind noch nicht so weit, noch nicht herzeigbar. Nur die Mädels von der Schwangerschaftsgymnastik hatten schon die Ehre. Findens kulio. Beides.

Frankfurt ist nur was für harte Burschen und Mädchen, nichts für Sensibelchen wie mich. Dort sieht man doch dem Gewerbe in den Arsch. Ist wie ne Darmspiegelung auf Video, bei der der Verleger Schnittchen und Rotkäppchen serviert.

Aber Moss muss. Muss Moss müssen?, könnte man auch fragen. Nur schon der Alliteration wegen. Soll froh sein, dass ich ihm treu bin. Noch. Aber vielleicht erwischt es auch mich, und ich muss bald in der Schwangerschaftsgymnastik die Mülleimer leeren. Mit all den Einlagen, Tempos und verschwitzten Einwegslips. Es kommt ja doch wie’s kommt.

Also: Frohes Verkaufen Frankfurt.
Und schon wieder eine hübsche Alliteration. Oder beinahe.
Was soll da noch daneben gehen?



Die Knallbar Diaries (37)
Donnerstag, 13. Oktober 2016, 18:24 Uhr
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Ist das jetzt eine Überraschung oder was. Bob Dylan for Nobelprice. Keine Ahnung, was man dazu sagen soll. Ich meine, was ich dazu sagen soll. Sag ich halt eben, auf meine wortreiche Art, nichts.

Ist auf jeden Fall immer eine Freude, Dylan einen Preis entgegenehmen zu sehen. Sei’s der „Legion étranger“ oder der Plämpel, der ihm der Barak um die Gurgel knüpfte. Beim Barak sachte er nicht mal was, bei Jack Lang in Paris sacht er heiser, sonnenbrillengewandet: „A thousand thankyous!“ Abgang.

Jack Lang brauchte nur eine Sekunde, um zu checken, dass es ein Irrtum war, den Dichter und Musiker vor die ergrauten Honorationen zu nötigen. Hat er dann auch gleich zugegeben, der Jack. Guter Junge, einsichtiger Junge. Ich glaube, Bob Dylan kann man nicht auszeichnen. Ich meine, man kann schon, aber man sieht sogleich bis auf den Karton runter; Dylans Anwesenheit entlarvt gleichsam die Fragwürdigkeit solcher Dinger.

Werd ich also angucken, die Verleihung. Nur schon deswegen hat Dylan den Preis verdient. Aber was heißt schon: verdient? Fasel nicht rum, Knallbar! Verdienen tut man einen Tritt in den Arsch oder das Höllenfeuer, aber einen Preis zu erhalten, ist immer ein Irrtum.

P.S. Habe eben im TV gesehen, wie Henning Krautmacher, Frontmann der kölschen Faschingschunkeltruppe „Höhner“, Bob Dylan als „Kollegen“ bezeichnet hat.
Der war gut. Echt.



Die Knallbar Diaries (36)
Samstag, 8. Oktober 2016, 11:50 Uhr
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Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss (warum eigentlich nicht immer?). Und manchmal muss der Mann krank sein. Nur kurz, natürlich, denn ein Mann ist nur kurz krank, ganz im Sinne Epikurs: kurz und heftig. Und so geschah es auch. Der Knallbar fing sich das Norovirus ein. Es streckte ihn nieder, und ließ die unausprechlichen Öffnungen des Körpers überquellen. Nicht jene sagenhaften 9, die Apollinaire besang, nur hauptsächlich deren zwei. Aber lassen wir das. Zwei Tage hats gedauert. Zeit genug, dachte ich, vielleicht wieder mal zu lesen. Ich lese sonst nichts. Nicht, wenn ich selber arbeite. Nur so ein bisschen vor dem Akt, um mich in Stimmung zu bringen, um mir bewusst zu werden, was Sache ist.

Dann las ich, fiebrig wie ich war, einen ganzen Ziegel in zwei Rutschen. Einen Kriminalroman. Das auch noch. Die heikelste aller Gattungen. In keiner wird soviel Müll produziert, nirgends soviel „Der-Plot-ist-das wichtigste“-Schreibe, nirgends soviel Worthülsen und totes Satzgeäst, nirgends soviel Phrasen und unispiriertes Herumgeeier, nirgends soviele lesbische Katzen, nirgends soviel ausgefranstes und totgestanztes Clichée (ja, französisch kann er auch, der Lev! Wobei das mit dem Clichée, ja schon selbst wieder ein Clichée ist), nirgends soviel auf dem Altar des Whodunnit geopferte Syntax, nirgends soviel Magieentsagung und Zauberabstinenz.

Aber der Bursche, dessen Buch ich las, der konnte es. Der hatte wahrhaft Eier. Wie ein Straußgelege. Der schiss sich nix, der war frei von Furcht und Tadel, der zeigte es den Pussys und den älteren Whodunnitdamen beiderlei Geschlechts. Madonna spudellata, dio rospo!

Die ersten hundert Seiten: Exposition. Ein Sylvester. In einer Kneipe. Zwei Männer und eine hereingeschneite Girlieband. Und eine Jukebox. Gequatsche. Weisheiten. Anmache. Zigaretten. Trauer. Nostalgie. Jede Menge Shots (wie’s heute heißt). Fast hundert Seiten, Freunde, Feinde und Gleichgültige.Und noch nicht mal der Ansatz einer Krimihandlung. Das macht ihm keiner so schnell nach. Und nicht der kleinste Anflug von, jetzt “aber in die Ecke mit dem Ziegel“.
Und als dann die Handlung irgendwie einsetzte, merkte man es nicht mal, denn es war wurscht. Natürlich: die Auflösung nicht der Rede wert. Ein hartes Buch. Ein Buch voll kluger, schneller Sprüche, ein Buch, bis oben hin voll Wissen um die populäre Kultur von gestern und heute und morgen. Ein dunkles Buch, so verzweifelt und heiter wie etwa „Alles wird gut“, von Jörg Fauser, an das es mich immer wieder erinnert hat.

Ich möchte es all jenen ans Herz legen, die noch nicht resigniert haben, denen Mut und Literatur noch etwas bedeuten.

Das Buch heißt:

“EIN SCHLAG INS GESICHT”

von FRANZ DOBLER

https://www.amazon.de/Ein-Schlag-ins-Gesicht-Kriminalroman/dp/3608502165/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1475919790&sr=1-1&keywords=dobler+schlag+ins+gesicht