zum Songdog Verlag


Genie, Geld und Gejeier
Dienstag, 28. Februar 2012, 17:25 Uhr
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Letzten Sonntag begab ich mich ins Hamakon-Theater zu einer Werner Kofler-Lesung. Der Autor war nicht anwesend, denn er war vor einigen Wochen an Krebs gestorben. Das Lesen besorgten, freundlicherweise, Freunde und Kollegen des Hingeschiedenen.

Der Saal war brechend voll. So an die 130 Leute. Das ist beachtlich. Man könnte sagen, dass der Autor gut daran getan hat zu sterben, denn so ein Theater hätte er live nicht vollbekommen. Nur wäre ihm vermutlich lieber gewesen, der Saal wäre leer, aber er könnte noch immer sein Sonntagsbier im Engländer zischen.

Das Publikum war alt. Aber es gab auch welche darunter, die waren nicht gar so alt. Die kamen eine halbe Stunde zu spät und sahen aus, als stammten sie aus der alten Heimat Koflers, Kärnten, sie sahen aus, als hätten sie ihn persönlich gekannt, damals, als er gerade brunzen und Fut sagen lernte. Aber vermutlich irre ich mich. Wie meistens. Ich bin ein großer Irrer vor dem Herrn. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich liege fast pausenlos mit meinen Annahmen daneben. So glaube ich auch, dass Werner Kofler sich a bissl für ein Genie gehalten hat. Das ist nur normal hier. Das tun fast alle. Ich glaube langsam, dass die meisten die nach Wien gehen sich irgendwann für Genies halten. Das macht diese besondere Wiener-Luft. Man gönnt sich ja sonst nix.

Und ich glaube auch, dass die Steigerung von Genie, das “verkannte” Genie ist. Das ist überhaupt das Größte. Genie, und verkannt. Geiler geht’s nimmer.

Werner Kofler war natürlich nicht verkannt. Das ärgerte ihn vielleicht hin und wieder, und er war der Meinung, dass der Jandl ihm ab und an einen Preis hätte geben können. Und nicht immer nur Friederike Mayröcker und Robert Schindel.

Das ist so eine Sache mit den Preisen, hier, in Österreich. Der Maler Cornelius Kolig bastelte aus Holz und Schnurzügen eine Handattrappe, damit er Jörg Haider nicht seine fleischliche Hand geben musste, als der ihm den Kärtner Scheißhauslandessuperduper-Preis verliehen hatte.

Oder ganz super berühmte Autorinnen gehen nicht zur Presiverleihung, lassen sich aber den Raps auf’s Konto überweisen. Man hat eben ein bisschen ein gestörtes Verhältnis zum Staat in diesem Staat. So ein wenig DDR-mäßig. Es ist ja nicht alles schlecht. Das wusste auch Werner Kofler, wenn er seine Kollegen, literarisch, in die Pfanne haute.

Aber eben: Die fehlenden Preise. Das macht einem zu schaffen. Das Geld. Und so. Schnitzler war Arzt. Kafka Bürolist. Benn war auch Arzt. Céline ebenfalls. Und dazu noch einer, der die Leute umsonst behandelte. Jawohl. Das Geld. Bukowski schuftete als Hafen-und Schlachthausarbeiter. Miller arbeitete als Personalchef einer Telegraphenfirma und schnorrte noch mit 65 gebrauchte Cordhosen. Hemingway war Journalist. Büchner starb vor der Berufswahl. Glauser war Fremdenlegionär. Cendrars Hungerkünstler und Plantagenbesitzer. Rimbaud handelte mit Waffen.

Schriftsteller? Seltsamer Beruf, könnte man meinen. Das alles reicht doch. Da muss man doch nicht auch noch ein Genie sein.

Nach Theweleit tritt das Genie massiert in Untertanenkulturen auf. Es ist das künstlerische Äquivalent zum Diktator.



Das Sprüchemuseum (2)
Montag, 27. Februar 2012, 17:30 Uhr
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Die Griechen werden den Deutschen ihre Rettung niemals verzeihen.

S. Namredin



Eins für die Fußgänger
Donnerstag, 23. Februar 2012, 22:47 Uhr
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Ich bin Fußgänger. Wie oft schon, habe ich einen Blogeintrag mit diesem Satz begonnen? 5 Mal bestimmt. Warum?  Weil es stimmt. Zudem ist es ein schöner altmodischer Satz, der uns aus einer anderen Zeit anatmet, aus einer Zeit, als Menschen ihre Absätze noch mit Eisenhalbmonden beschlagen ließen. In Jörg Fausers Roman “Rohstoff” (aus den 80-ger Jahren) heißt es: “Heute gehen in Deutschland nur noch Snobs oder Penner zu Fuß, und nur Penner hätten uns für Snobs gehalten.”

Bin ich ein Snob? Schon, irgendwie. Weil es mir wichtig ist, unabhängig zu sein und ich gerne flaniere und über meinen nächsten Buchflop nachdenke, und im Gehen schöne Sätze formulieren kann, die ich dann wieder vergesse.

Als Fußgänger kann ich mir auch öfter ein Taxi leisten, da ich ja keine eigene Kiste erhalten muss. Aber Fußgänger leben abenteuerlich und vor allem: gefährlich. Besonders die Amateuere unter uns. Und diejenigen die sich an die Gesetze halten. Jeder Profifußgänger weiß, dass eine grüne Ampel höchstens eine Empfehlung darstellt, und den Pietone keineswegs davon entbindet die Autos aus den Augen zu lassen. Die meisten von uns werden auf Kreuzungen bei Grün, von Links-oder Rechtsabbiegern umgebracht.

Der kluge, erfahrene Fußgänger quert die Kreuzung bei Rot. Keine Links-und Rechtsabbieger. Und vor allem sind die Sinne hellwach und geschärft. Das zeitgenössische Fußgängertum ist eine Allegorie auf unser Leben: Vergiss alles, und trau nur noch dir selber. Was den Pietone wiederum dem Philo Kant nahebringt (oder umgekehrt): Wage es, deinen Verstand zu benützen. Traue deinem eigenen Urteil, und halte deine Deckung oben.

Oder wie unser grenzgeniale Bundesmann Faykanzler heute proletete: “Ich gebe es zu, wir haben noch nicht das Ende des Ziels erreicht.”  Tja, so sehen österreichische Ziel eben aus: Sie sind lang und beschwerlich, aber zumindest ist man schon vom Start weg dort.



Alles nur für mich
Dienstag, 21. Februar 2012, 13:02 Uhr
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Wer intelligentes Blocken sehen will, der clicke auf der Blogroll den Block von Franz Dobler an, der immer ein paar Dinge vorzustellen weiß, die es mehr als wert sind, vorgestellt zu werden. Zum Beispiel das neue Tiamat-Buch von Ry Cooder “In den Straßen von Los Angeles”, von Dobler himself ins Deutsche übertragen, und das dieser Tage erscheint.

Seit Henk wieder mal auf Achse ist (oder tot), und ich selber nur noch in Kneipen rumsitze und mich darüber wundere, dass dieses kleine Land etwa 8 Millionen Nahostexperten zählt, wobei kaum einer von diesen Experten (die mit bösen Ben Gurion Zitaten um sich werfen können, dass man vor Neid mit den Zähnen knirscht) den Rang des Großvaters in der Wehrmacht kennt, tut sich blockmäßig nur noch Mäßiges.

Aber dem Beispiel Doblers folgend, werde ich meinen Block aus dem Verließ der Betulichkeit und dem Kerker des Tagebuches befreien und auch auf tolle neue Sachen hinweisen:

“Ashes & Fire”, z.B. Von Ryan Adams.

Ziemlich neu, ziemlich americana, ziemlich gut. Aber nur für Heulsusen wie mich. Für butterweich gekochte Drake-Jünger und abartige Bürschchen im mittleren Alter, die nur noch richtig gut drauf kommen, wenn die Songs traurig und schön sind. Wie das Leben itself.

Aber eigentlich möchte ich gar nicht, dass ihr die gleichen Scheiben auflegt wie ich. Oder die gleichen Bücher lest. Ich möchte alles nur für mich ganz allein. So ist das.



JA zum Buch? Klar, aber …
Donnerstag, 9. Februar 2012, 15:25 Uhr
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FAST EIN PAAR GEDANKEN ZUR BUCHPREISBINDUNG:

Am 11. März wird in der Schweiz über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung abgestimmt. Die Kampagne der Befürworter, vor allem die des Buchhandels, läuft auf Hochtouren. www.ja-zum-buch.ch wirbt mit einer etwas verhärmten Heidi, die rütlischwurmäßig ein Buch in den veralpten Himmel reckt, für die Annahme der Initiative. Für “Die Buchvielfalt. Gegen den Discountereinheitsbrei”. Im Hintergrund tollt der Geißenpeter mit seinen Lieblingsziegen vor der hübschen Skyline einer Stadt, die vor der Skyline der Alpen prangt, herum. Sieht aus wie SVP-Werbung gegen das “Ausländerbuch” resp. JA für das Schweizerbuch.

Ich bin mehr als einmal angefragt worden, ob ich nicht, als Kleinverleger und Autor, den Komitées beitreten möchte. Wollte ich nicht. Ich wollte auch keine rührenden Geschichten über die an der Buchfront aufopfernd kämpfenden Buchhändler/Innen verfassen, über die Buch-Davids, die sich heroisch gegen die drögen Discounter-Goliaths stemmen, jene Branchenriesen, die die Bestseller zu Schleuderpreisen rausjassen, aber ihre Marge auffetten indem sie (z. B.) auf die Bücher des Pimperl-Verlags Songdog, richtig was draufhauen. Und zwar soviel, dass niemand mehr sie kaufen will, die Songdog Bücher. Das hat, wie wir gleich sehen werden, auch noch andere Gründe.

Aber ich bin solidarisch. Ich stimme mit Ja. Allerdings ohne tiefere Überzeugung.

Nicht selten treffen hier Mails oder gar Anrufe von kaufwilligen Kunden ein, denen der gute Buchhändler - der nun meine Solidarität einfordert - beschieden hat, dass nämliches, vom Kunden gewünschtes Buch aus dem Songdog Verlag überhaupt nicht lieferbar sei. Irgendwann fragt man sich, warum dem so ist. Und dann findet man heraus, dass sich viele Buchhandlungen kein VLB-Verzeichnis (Verzeichnis lieferbarer Bücher) mehr leisten, und nur noch in den Barsortimenten und Auslieferungen herumklicken und mauseln. Das ist nicht gut für Pimperl Verlage wie Songdog. Denn die können oder wollen sich oft den Killer-Bedingungen von Auslieferern nicht ausliefern. Dann merkt man auch, dass es einen Unterschied gibt, zwischen Buchhändlern und Buchverkäufern.

Ich kenne Buchhändler/Innen. Das sind Frauen und Männer, die dem Kunden jedes gottverdammte Buch besorgen, und wenn sie persönlich - weil es z.B. vergriffen ist - zum nächsten Antiquariat stiefeln müssen und dessen Ramschkiste durchwühlen. Bis sie es haben. Ja, solche kenne ich. Das sind Buchhändler/Innen.

Dann gibt es die Buchverkäufer/Innen. Das sind die Klicker und Mausler, und die, die noch nie etwas von einem Internet gehört haben. Außerdem sind es -anscheinend- funktionale Analphabeten, da es ihnen nicht möglich ist, den gesuchten Titel, den Autor, in eine Suchmaschine einzutippen und so den Verlag ausfindig zu machen. Der Kunde erhält lediglich den schnöden Bescheid: Nicht lieferbar. Und damit ist der Kunde weg. Nicht alle machen sich danach die Mühe und suchen selber im Netz.

Niemand, liebe Buchhändler/Innen, verlangt, dass ihr die Produkte des Pimperl-Verlags Songdog in euren Regalen stehen habt. Aber wäre es nicht angebracht, dass auch ihr euren Job ordentlich erledigt? Vielleicht auch mal einen Schritt neben den Barsortiment-Trampelpfad setzt, und dem Kunden dabei behilflich seid, dass er auch zu dem Buch kommt, dass er haben will? (Und es sind nicht die “großen Ketten” die sich verweigern!) Es ist nicht so schwer. Bestimmt nicht. Und zudem, liebe solidarische Buchhändler/Innen, gibt es, auch wenn Sie direkt beim Verlag bestellen, dennoch Prozente, und das Buch ist innerhalb von 2-3 Tagen in Ihrem Laden, beim Kunden.

JA zum Buch. Auch für die etwas “Schwierigeren”. Okay?



Round & Round & Round
Samstag, 4. Februar 2012, 15:07 Uhr
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Ich darf Ihnen, nach “Der Bericht” von Christoph Bauer, die nächste Rezension eines Songdog Buches in der “Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)” präsentieren. Diesmal betrifft es den Poetry-Band “Round & Round & Round” von Hadayatullah Hübsch und Florian Vetsch.

Lesen Sie! Die Besprechung. Und das Buch!

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/buchrezensionen/kaffee_allah_und_zigaretten_1.14748368.html

KAFFEE, ALLAH UND ZIGARETTEN

als. Man kann sich die Begegnung dieser beiden Dichterschamanen als ein lichterlohes Feuerwerk der Synapsen vorstellen: Mit dem im letzten Jahr überraschend verstorbenen Frankfurter Publizisten, Poeten, 68er Aktivisten und Imam Hadayatullah Hübsch und dem Schweizer Ira-Cohen-Übersetzer und Herausgeber unzähliger Underground-Lyrikbände, Florian Vetsch, scheinen tatsächlich zwei sehr ähnliche Sonnensysteme aufeinandergeprallt zu sein – wobei die aus diesem Zusammentreffen entstandene Supermasse fortan eine dunkel raunende Gravitation auf die Tastaturen sämtlicher Schreibgeräte ausüben sollte. Offensichtliche und leise Korrespondenzen zwischen dem 1946 in Chemnitz geborenen Hübsch, der 1969 zum Islam konvertierte, und dem langjährigen Marokko-Reisenden Vetsch gab es viele, nicht nur das Blut der Beat-Poeten, von dem sie beide getrunken haben. So haben Hübsch und Vetsch im Herbst 2007 beschlossen, einen literarischen Schlagabtausch einzugehen, indem sie sich in regelmässigen Abständen gegenseitig ein Gedicht zuschickten, auf das der andere dann in seinem nächsten Text antwortete, es weiterführte oder transformierte. Entstanden ist dabei unter dem Titel «Round & Round & Round» ein Gedichtzyklus aus 52 Texten, in denen Frank Zappa, Bob Dylan und die Stones die Tonlage früher Morgenstunden angeben, blasses Licht, in dem die Gläser leer und die Herzen voll scheinen. «Und meine Seele beginnt mein Herz / Zu wärmen, als hätte ich Sonne / getrunken», hält Hübsch etwa am Ende von «Radio Inner City» fest, und Vetsch antwortet ihm «In Joe’s Garage» begeistert: «Gott ist der beste / Gitarrist, spielt mit dem Plektron / Auf den Strahlen der Sonne / Trinkt Kaffee und raucht Zigaretten»