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Die Knallbar Diaries (27)
Dienstag, 23. August 2016, 12:50 Uhr
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Mein Leben ist in Unordnung geraten. Der Kontostand macht mich immer noch glücklich, aber die inspirierende Schwangerschaftsgymnastik hat ihren Austragungsort gewechselt, und so bin ich gezwungen in einen Bezirk zu pilgern, wo man Knallbar eher nicht so kennt. Noch nicht. Zumindest gibt es auf dem Weg eine Buchhandlung. Im Schaufenster lag er. Mein „Bessie“. Ich beschattete meine Augen und lurte durch das verstaubte Glas auf meinen Opus, als hätte er magische Kräfte, ich meine, als wär’s irgend so ein magical Stone oder sowas, aber ich erschrak, denn oben, auf den Seiten, schien eine feine Schicht Staub zu liegen. Die Buchhandlung hatte noch geschlossen, und so konnte ich nicht reinstürmen und das Personal zur Ordnung, bzw. zum Staubwischen rufen.

Als ich mich abwandte, steuerten gerade zwei maghrebinische Jung-Knipper auf mich zu. Ich steh nicht so auf auf maghrebinische Jung-Knipper. Das ist in etwa so rassischtisch, wie wenn ich sagen würde: Ich mag maghrebinische Jung-Knipper. Gut. Alors. Ich mochte sie nicht. Auf Anhieb. Wie so viele meiner Mitmenschen.

Sie blieben stehen. „Do you speak english or arabian?“, sagte der etwas Größere.
„No“, sagte ich, und packte das aus, was ich als mein „Bronchialfranzösisch“ bezeichne, ziemlich übel, aber es verfehlt selten seine Wirkung. “Est-ce-que vous connaissez Lev-André Knallbar?”
„André?“, gaxte der Große. Er hatte also was verstanden und lurte mich an, wie ich vorhin meinen Bessie hinter der Scheibe angelurt hatte.
„Quais, Lev-André Knallbar. Si vous ne connaissez pas Lev-André Knallbar, ce que mieux, si vous cherchez un autre lieu, pour faire des choses qui vous voulez faire.“
Jetzt lurten sie beide.
„Lev-André Knallbar est un ecrivain superieur. Le chef.  Le meilleurs. Plus grand que votre Houellebecq. Plus,plus, plus grand. Compris?“
Sie zischten ab, ohne noch ein Wort zu verlieren und ihre Köpfe ruckten auf der Suche nach dem nächsten Opfer hin und her, wie der von zwei Krähen, auf der Suche nach Spatzennestern.
Lev-André Knallbar war kein Spatz. Ich denke, das haben sie verstanden.



Geschieht uns recht
Montag, 22. August 2016, 10:38 Uhr
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Ich las wunderbare Sätze wie diese: „…Wenn er Schriftsteller ist, neigt er dazu, nur mit anderen Schriftstellern zu verkehren und mit diversen Schmarotzern, die sich vom Schreiben mästen. Für all diese Leute ist die Literatur mehr oder weniger die zentrale Tatsache des Daseins. Wohingegen sie für eine Unzahl durchaus intelligenter Menschen eine unwichtige Nebensache ist, ein MIttel zur Enstpannung, zur Flucht, eine Informationsquelle, und manchmal eine Inspiration. Aber sie könnten weit leichter ohne sie auskommen als ohne Kaffee oder Whiskey.“
Raymond Chandler „Briefe von 1937- 1959″

Hinter diesen Sätzen lief der Fernseher. Tatort. Da ich las, musste ich ihn mir nicht ansehen, obschon ich es erwogen hatte. Weil ich müde war, vermutlich. Aber es reichte, eine Weile den Ton zu hören, die Dialoge. Es waren scheinbar dieselben  Dialoge, die ich schon in den anderen Tatorten gehört hatte, die auch nicht zu Ende geguckt hatte. Der Ton, das Gesprochene passt auf jeden anderen auch. Es ist schier unglaublich, dass sich immer noch Millionen finden, die sich das ansehen. Nach zwei Minuten wurde ich sauer, nach 5 war es bereits unerträglich, und nach weiteren Minuten wurde es unglaublich und irgendwie phantastisch, und noch etwas später wird man  im Glauben gefestigt , dass alles, was uns blüht, wir auch verdient haben. Wir sind zu dämlich. Wir sehen Tatort.

Aber von Chandler wissen wir, dass es in der Literatur auch nicht besser aussieht.
Geschieht uns recht.



Die Knallbar Diaries (26)
Donnerstag, 18. August 2016, 16:18 Uhr
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Ich habe ja nichts gegen Fehleinschätzungen, vor allem dann nicht, wenn es nicht meine sind. Nicht, dass ich mich nicht irrte - ich irre mich eigentlich fast immer, was gut und richtig ist, denn es unterdrückt den Impuls, zu allem eine Meinung zu haben. Zumindest bei mir, Freunde, Feinde und Gleichgültige. Meinungsfrei ist gut. Ein erstrebenswerter Zustand. Hart zu erreichen. Ganz hart.

Es gibt ja jetzt einige Leute - Bekannte, und solche die es werden wollen - die mir bei Gelegenheit sagen, dass ich, da ich ja jetzt reich und berühmt sei, eine Menge Zeit zum Schreiben habe und mich nur dem Schreiben widmen könne und so weiter und so fort. Ich antworte nicht darauf. Es zeigt nur, dass diese Menschen keine Ahnung haben. Vom Schreiben nicht, und vermutlich vom Rest auch nicht, außer, wie man mit dem Kopf eine Delle ins Kopfkissen macht.

Schreiben ist kein Selbstzweck. Ich schreibe nicht, damit geschrieben ist. Ich habe kein tieferes Interesse an dieser Tätigkeit. Mein Interesse daran ist politisch motiviert. Ich schreibe, um reich zu bleiben. Schreibe an meinem Kontostand entlang. Rauf und runter. Links und rechts. Ich versorge die Gesellschaft der Leser mit meinem Zeug, solange, bis mal jemand drauf kommt, dass es Müll ist, und obszön, dafür richtiges Geld auszugeben. Und wenn der Leser schon mal dabei ist, die Decke von meinem miefenden Müllhaufen zu heben, so dünkt es ihn vielleicht, er könnte auch die Decke des nachbarlichen Müllhaufens ein wenig anlupfen, und sein empfindlich gewordenes Näschen drüber halten. Da könnte was passieren…

Ich bin, durch das Fabrizieren von Bestsellern, ein Kämpfer für das Gute, das Wahre und das Schöne geworden, das verborgen, von Tausenden von Müllhaufen, seiner Wiederentdeckung harrt. Aber erst muss mal das Konto geschönt werden. Soviel Wahrheit und Schönheit muss sein…



Bier
Mittwoch, 10. August 2016, 11:20 Uhr
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Neulich, als ein ganzer Tag lang die Sonne zugegen war, ließ ich den Laptop zugeklappt und stürzte mich in den Schlund, und schaffte einige gefällte Bäume herauf. Dann, danach: DAS BIER.
Es schmeckte wie das erste Bier des Lebens: Kühl, bitter und süß zugleich, überwältigend fremd und göttlich. Und ich erinnerte mich an einen Text, den ich vor langer, langer Zeit geschrieben habe:

PREKARITÄT

Neulich habe ich gearbeitet. Wieder einmal. Nach Jahren der Abstinenz. (Nein nein, was immer irgendwer behaupten mag: Schreiben ist keine Arbeit. Auch nicht Fitnesstrainer, Filmregisseur, Anlageberater, Abgeordneter oder Berufsjugendlicher.) Arbeit ist ein Fluch. Darüber kann auch das Heer der bekennenden Workaholics nicht hinwegtäuschen. Außerdem arbeiten diese Arbeitsalkoholiker nicht. Es sind im wohlmeinendsten Sinne Beschäftigungsaholics. Tätigkeitssüchtige, für die süße Untätigkeit verlorene Wichtigkeitsjunkies.

Denn es gibt keine Workaholics an Presslufthämmern. Mir ist nie einer untergekommen, dessen Beruf es war, die Hintern von sterbenden Menschen auszuwischen. Oder hat man je von einer Frau gehört die im Supermarkt den ganzen Tag an der Kasse sitzt, Regale auffüllt und von sich behauptet Workaholic zu sein? Jemand der Eisflächen putzt, Mauern aufzieht oder um halb 3 Uhr morgens Brote in den Ofen schiebt, ein Workalholic?

Also. Neulich habe ich gearbeitet. Zusammen mit der alten Band. Eine Reunion, sozusagen. Eine vortreffliche Bande von Malern, Kneipiers, arbeitslos gewordenen Streunern und Talking Heads; ein Sammelsurium von alten Haudegen, für die das Modewort „Precarité“ seit Jahren (vielleicht schon  immer) nichts anderes bedeutet, als die bevorzugte Art, ihr Leben zu leben.

Der Sinn der Arbeit liegt in ihrer Vermeidung. Dazu bedarf es einer mentalen und intellektuellen Anstrengung, die permanent erbrachte Höchstleistung des Gehirns, während die Muskeln Glykogen verdampfen. Arbeit ist Kampf. Vermeide die Niederlage. Die Lust, die Arbeit einem gewährt, bedarf unseres Dazutuns und wird aus ihrer Reduktion destilliert. Aus der Präzision der Handgriffe, dem Zwang zur Logik, der daraus erwachsenden Choreografie, der schneidenden Schärfe der dazugehörenden Logistik und dem langsamen Verblassen der Kräfte in den Muskeln. Und dann: Ein tiefes und sanftes Gefühl der Ruhe strömt in die Kapillaren. Erschlaffung und Freude. Vorfreude auf die Drinks, das Bier. Ein Göttergetränk, dessen wahre Klasse und grundgütige Wirkung sich nur dem wahrhaft Arbeitenden offenbart.

Man arbeitet doch nur, um danach genügend Durst zu haben einen Kasten Bier auszumachen.

Der Rest ist für die Workaholics.

(Aus „Das Flackern der Flamme bei auffrischendem Westwind”)



Die Wengen Elegie
Montag, 8. August 2016, 17:29 Uhr
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Wie jedes Jahr, gegen Ende der Sommerfrische:

Die Wengen-Elegie:

Die Nacht kommt wie ein trunkener Bestatter, der leise und langsam den Sargdeckel  über die schrumplige Leiche des Tages sinken lässt, während Ryan Adams Stimme aus dem Fenster schlägt, wie Flammen aus den strohigen Eingeweiden von brennenden Kuscheltieren. Der Rye-Bourbon  tränkt mein glimmendes Herz mit Jubel, und ich träume, ich wäre ein Mann, der eine Winchester über der Tür hängen hat, träume, ich wäre ein Mann, der auf der anderen Talseite ein Stück Wald gerodet und aus den Stämmen ein Blockhaus baute, und dass aus der Lichtung eine Viehweide wurde, wo böse, gefährliche Rinder grasen, die genau wissen, was ihnen blüht.
So träumend fand mich die Nacht, so glückselig, wie Jack Kerouac, der betrunken in seinem Plymouth aus dem nächtlichen Denver rauscht. Westwärts, westwärts, durch dieses Amerika das zusammen mit Jack starb, vor dem Fernseher, in einer Hand das Bier, in der anderen der Bourbon, traurig und beat wie nie, geschlagen mit dem zerstörerischen Ruhm, nach dem noch immer alle Dummköpfe gieren.
Noch singt mein Herz…



Das Sprüchemuseum (75)
Sonntag, 31. Juli 2016, 10:16 Uhr
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“Muslimischer Theologe sieht Religion als Schutz vor Terrorismus.”

Schlagzeile FAZ.net

Wir sagen: Stimmt. Fragt sich nur welche Religion. Andererseits raten wir unseren Redaktionsmitgliedern auch zu einem gepflegten Alkoholismus, der sie vor einer Heroinsucht bewahrt.



„Standing“ ein Film über den SChriftsteller Franz Dobler
Donnerstag, 28. Juli 2016, 16:30 Uhr
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Eben reingekommen und ich sag jetzt nicht: Schaut’s euch das an.

“Der Film von Hubl Greiner erzählt von einem Schriftsteller der mit seinem teils brachialen und immer schonungslos kritischen Duktus kein Unbekannter ist.”

http://dbate.de/videos/standing-ein-portrait-des-schriftstellers-franz-dobler/



Lesen
Mittwoch, 27. Juli 2016, 17:25 Uhr
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Ich lese Raymond Chandlers Briefe von 1937 - 1959.
In einem Wort?
Beglückend.



Büezer Herz
Dienstag, 26. Juli 2016, 18:26 Uhr
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Büez: berndeutsch für Arbeit

Wenn man allenthalben das Schweizer TV oder das Radio anmacht, so kommt es  vor, dass man auf den Autor Pedro Lenz stößt, man stößt so oft auf ihn, dass man sich zu fragen beginnt, was die Redakteure tun würden, gäbe es den Pedro nicht.
Aber es gibt ihn. Zum Glück. An der Küchentür meiner Verwandschaft hängt ein Poster von ihm. Er sieht gut aus. Man hängt sich gerne ein Poster von ihm in die Küche. Man kann Pedro Lenzens Gesicht auch auf enormen Plakaten sehen, und sein Buch „Dr Goalie bin ig“ (Der Goalie bin ich), eroberte - gefühlt- so einige Kunstgattungen, schätze, die Oper ist in Arbeit, das Ballett ebenso, und auch die Kondome mit Kafimitschussgeschmack. Wollen wir hoffen, dass es so ist, denn um in der Schweiz als Autor von den Produkten der Büez zu leben, ist eine eigene Kunst. Aber die Schweiz braucht einen wie ihn. Einen Autor, der ein guter Kerl ist, aufrichtig und ehrlich (redundant, ich weiß), einer der ein soziales Gewissen pflegt, einer, dessen Herz  für die einfachen Leute schlägt, die Loser und die schrägen Outcasts, einer, der das Volk nicht der SVP überlässt. Ein Mann, dem man höchstens vorwerfen kann, dass man ihm nichts vorwerfen kann.

In einem Interview sprach er dann von seinem „Büezerherz“. Ich horchte auf. Das gefiel mir. Der berühmte Autor hat nämlich 7 Jahre als Maurer gearbeitet, eine absolute Rarität, sozusagen eine Preziose, in dem Schwall von Literatenbiografien. Ja, ein Büezerherz. Hab ich auch.  Zum Glück. Denn wenn die Jugend weg ist, ist meist auch der Rest weg, und es bleibt einem nur die Büez, die Arbeit.
Die Arbeit am Roman, und die Arbeit im steilen Schlund, wo zwei Dutzend gefällte Bäume liegen, die ich mit Winden und Seilen herausziehe, metrig säge und auf die altmodische Art (mit Keilen und Schlegel) spalte.

Leider bin ich kein so guter Kerl. Und mir liegen die Leute auch nicht am Herzen, ich finde die Leute immer dann am Besten, wenn sie ihr DIng machen - weit weg von meinem Ding. Aber ich kann nichts dafür, so wie Pedro nichts dafür kann, dass man ihn einfach mögen muss. Auch, sagte er, fahre er immer 2. Klasse. Ich fast nie. Ich weiß, das ist schockierend. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nie Geld habe.
Aber ein Büezerherz habe ich trotzdem. Und was für eins.



Mein Leben (zur Zeit)
Montag, 18. Juli 2016, 19:45 Uhr
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Vormittags bin ich eine 53-jährige Frau, die in der Glut der Großstadt um ihre Existenz kämpft, um ihren Sohn, ihre Liebe, ihr Überleben. Sich gegen die Zumutungen des Lebens stemmt und mit einem schmerzlichen Verlust klar zu kommen versucht.
Am Nachmittag bin ich ein Kerl der mit nacktem Oberkörper, eingeölt und mit Pferdeinsektenschutzmittel besprüht, technische Probleme löst. MIt Seilwinden, Seilen, Gurten, Beil und Axt, Sapie und Motorsäge, Spaltkeilen und Vorschlaghammer.
Mir scheint, es wäre das ideale Leben, jenes, das ich immer führen wollte, als ich es aufgeben hatte ein Rockstar zu werden. Und das ist wirklich schon mehr als zwei Wochen her.