Der Maestro will nicht aufstehen

Rom im Winter.
Regenwolken über schiefen Dächern,
nasskalte Luft in den Lungen,
Schimmelpilz in den Wänden.

Der Maestro will nicht aufstehen.
Er liegt in seinem Bett,
neben ihm atmet gleichmäßig sein Lehrling;  
16 Jahre alt,
mit dem Gesicht eines Engels.  
Ganz behutsam bläst er dem Jungen
eine blonde Strähne von der Stirn.

Wie gern würde er liegen bleiben,
neben diesem Jungen mit dem
unschuldigen Blick in den blassblauen Augen.
Er streift über die festen Schenkel, den straffen Po
und die noch knabenhafte, unbehaarte Brust.

Der Maestro will nicht aufstehen.
Er ist total im Arsch, der Ofen ist aus.
Allein der Gedanke an die zugige Kapelle lässt ihn frösteln.
Seine Glieder schmerzen und von der jahrelangen Arbeit
über Kopf ist sein Nacken steif geworden.

Schließlich rappelt er sich doch auf,
pisst in einen Eimer und schlüpft in die klammen Kleider.
Als er das Haus verlässt, gießt es in Strömen.
Durch Pfützen und Taubendreck stapft er zur
Sixtinischen Kapelle, schließt die Tür hinter sich
und klettert auf das wacklige Gerüst.

An diesem Vormittag malt er den Zeigefinger Gottes.