Spiel und stirb

SAMSTAG

Hinter dem Fenster strebten träge Nebelschwaden vor der gegenüberliegenden Häuserzeile einem zwielichtigen Himmel zu. Obwohl es erst Anfang September war, kündigte sich bereits unerbittlich ein früher Herbst an. Die Nebelfetzen entstiegen dem nahen Fluss wie Geister dem Totenreich auf der Suche nach Erlösung. Die Sonne würde sich von jetzt an meist nur noch als blasse Scheibe durch die Schleier erahnen lassen. Ab und zu ein kurzes Blinken vielleicht, wenn der Nordwind die zähe Wolkendecke zerriss.

Julia fühlte sich ausgelaugt und leer. Depression war in der Familie schon immer ein dominanter Begleiter gewesen und hatte ihre Gemüter umhüllt, wie der Nebel draussen die ärmlichen Häuser mit ihren mickrigen Vorgärten, den vernachlässigten Rasenplätzen und Einfahrten.

»Papa, warum ziehen wir hier nicht weg, wenn ihr doch immer so traurig seid, wenn der Winter kommt?«, hatte Julia als Kind einmal gefragt, als es wieder mit der Düsternis im Haus nicht mehr zum Aushalten war. Der Vater hatte nur stumm von seiner Zeitung hochgesehen und sie aus rotunterlaufenen Augen verständnislos angeblickt. Er war unerreichbar, wenn die Depression ihn in seiner Gewalt hatte. Die Mutter war mehr und mehr zu jenem nörgelnden, überempfindlichen Wesen geworden, das ständig jammernd hinter ihnen her putzte. »Ach schaut doch, was ihr wieder für einen Dreck gemacht habt. Wie sieht denn das aus!«, klagte sie mit Kehrschaufel und Besen in den Händen und bürstete nicht vorhandenen Schmutz aus Teppichen und Polstern, oder wedelte mit dem Staubtuch durchs Haus. Wie sie da so zierlich, in ihrem Arbeitskittel, den sie im Haus demonstra­tiv trug, vor ihr gestanden war - ihr gebleichtes Haar in tadellosen Locken - das Gesicht eingecremt - die Augen sorgfältig dezent geschminkt - die Lippen perfekt nachgemalt, schien sie sagen zu wollen: »Seht was ihr aus mir gemacht habt. Ich, die Dame, die ich doch eigentlich bin, zu einer Putze in Kittel und Gummihandschuhen degradiert habt ihr mich.« Sie war den Anforderungen, von denen sie glaubte, dass sie an sie gestellt würden, nicht gewachsen. »Wenn ich einmal nicht mehr da bin, werdet ihr schon sehen, wie ihr ohne mich zurechtkommt.« Julia unterdrückte den brennenden Schmerz, der mit den Erinnerungen an die Mutter bitter in ihr hochstieg.

Ja, und dann, an einem schwarzen Sonntag im November, hatte die kleine Frau der Versuchung nicht mehr widerstehen können, ihren Klagen und hilflosen Prophezeiungen ein letztes Mal Ausdruck zu verleihen. Sie hatte ihre ständige Drohung »Ihr werdet es schon sehen!« wahr gemacht und sich am Geviert des Daches aufgehängt. Sie hatte von der Dachluke aus einfach das Seil am Giebel befestigt, sich aus der Luke gezwängt und war gesprungen.

Jasmin hatte ihre grössere Schwester angestossen und verwundert auf den Rasenplatz vor dem Fenster gewiesen, wo sich eigenartige Schemen im Nebel hin und her bewegten. »Was machen denn all die Geister da draussen?«, fragte sie mit ihrer piepsigen Stimme. Es waren die Nachbarn, die sich langsam dem Hause näherten und ungläubig mit ihren erhobenen Händen auf den Leichnam zeigten, der vor der Hauswand baumelte.

Als der Vater, durch die Rufe der Kinder und dem ununterbrochenen Klingeln und Klopfen an der Haustür, aus seinem lethargischen Zustand gerissen hinaus trat, wurde er von den Nachbarn umringt und vor das Haus geführt. Er warf einen Blick auf die Erhängte und ging ohne ein Wort zu sagen, zum Werkzeugschuppen, um mit einer Leiter zurückzukehren. Wortlos stieg er die Sprossen hoch, hob seine tote Frau an, legte sie sich über die Schulter, schnitt das Seil durch und stieg wieder herunter. Wortlos platzierte er sie auf dem Rasen, den Nachbarn vor die Füsse, und kehrte ins Haus zurück.

In Julias Erinnerung an jenen Morgen gab es keinen Laut, kein Geräusch. Alles wie in Watte verpackt. Nur das Zittern von Jasmins Körper, der sich an sie drängte, hallte wie das ferne Echo eines verzweifelten Schreis in ihr nach.

Von da an hatte der Vater nicht mehr gesprochen. Er ging zwar zur Arbeit. Wie ein Roboter kam er seinen Verpflichtungen nach. Jeden Tag stellte er die Aktentasche abends im Flur ab und morgens, wenn die Mädchen das Haus verliessen, war sie wieder verschwunden. Eine Nachbarin schaute ab und zu vorbei um nach dem Haushalt und den Mädchen zu sehen. Aber im Grossen und Ganzen war es Julia, auf der das Wohl der Familie lastete. Wenn der Vater daheim war, las er oder geisterte auf dem Dachboden herum. Er erschien zu den Mahlzeiten, ass wortlos seinen Teller leer, egal ob das Essen verbrannt oder verkocht war, stand wieder auf und kehrte in seine stumme Welt im oberen Stock zurück. Die Schwestern unterhielten sich nur noch im Flüsterton. Fast vermeinten sie, dass, wenn sie zu laut seien, könnten ihre Stimmen das Monster wecken, das tief in Vaters Brust schlief und nur ab und zu, durch ein irres, kleines Flackern in den Augen des Mannes, seine Existenz verriet.