The Brave

«Ich komm wegen dem Job.»
Die blauen Augen des schwergewichtigen jungen Mannes,
der mit hochgelegten Fü.en am Schreibtisch saß, richteten
sich auf Rafaels Augen, bevor sie seine schmale Gestalt musterten.
«Wieso?»
Rafael zuckte mit den Achseln und schaute weg.
Der junge Mann am Schreibtisch legte die Zeitschrift beiseite,
in der er gelesen hatte, und stellte seine Fü.e zurück
auf den Fußboden. Ein schwaches Lächeln zeigte sich auf
dem schlaffen, blassen Gesicht.
Der junge Mann wartete nicht auf eine Antwort und erkundigte
sich: «Welcher Job ist das?»
Rafael schaute sich in dem kleinen Büro um. Etwas Licht
sickerte durch ein staubiges Fenster auf den verschrammten
hölzernen Schreibtisch, den Stuhl, den abgenutzten Fußboden
und einen verbeulten, zerkratzten blechernen Aktenschrank.
Auf einem Schild an der Milchglastür hinter Rafael stand
Enough Enterprises Productions Limited Incorporated. Ihm war
gesagt worden, dass man eine unbeleuchtete Treppe hochsteigen
musste, um zum Büro zu kommen. Es befand sich
im ersten Stock über einer bestimmten Bar, in einer von Bars
gesäumten Straße.
Rafael fragte: «Gibt es mehr als einen Job?»
Der junge Mann lächelte immer noch auf seine kränkliche
Art und sagte: «Nur den einen.»
«Bist du der Arbeitgeber?» fragte Rafael.
«Wo hast du davon gehört?»
«Wovon, von dem Job?»
«Ja.»
«Jemand hat mir davon erzählt.»
«Wer?» fragte der junge Mann. «Wo? Wann?»
Rafael schüttelte es. «Bin kein Bulle.»
Wieder musterte der junge Mann Rafaels verblichenes
Hemd, die abgetragenen Jeans, die kaputten Stiefel.
«Wer?» wiederholte er. «Wo? Wann?»
«Vor einer Woche. Ungefähr vor einer Woche. In ner Bar.
So ein Typ.»
«Welche Bar? Welcher Typ?»
«Freedo’s.»
Der junge Mann nickte. «Zufällig dort einen trinken gewesen?»
«Ich bin oft dort.»
«Also wer hat den Job dir gegenüber erwähnt?»
«Hab ich doch gesagt. Freedo. Der Barkeeper. Er wird
Freedo genannt. Der Laden heißt Freedo’s, oder?»
«Also du bist zufällig gerade bei Freedo und der Barkeeper
sagt dir, es gibt diesen Job?»
«Am nächsten Morgen», sagte Rafael leise. «Ich war noch
auf dem Fußboden. Er hatte mich eine Weile ins Hinterzimmer gelassen.»
«Nicht zum ersten Mal, würd ich wetten.»
Rafael sagte: «Nicht zum ersten Mal.»
Der junge Mann fragte: «Und heute morgen? Schon was getrunken?»
Rafael strich sich mit dem Daumen über die trockenen
Lippen. «Ein bisschen.»
«Natürlich hast du», sagte der junge Mann.
«Was wird für den Job bezahlt? Es hieß 25.000 Dollar.»
«Hast du richtig gehört.»
«Ich will dreißig.»
«Mein Onkel regelt das mit dem Geld. Ich muss erst mal
schauen, ob du tauglich bist. Arbeitest du irgendwo?»
Rafael schüttelte den Kopf. «Lange nicht mehr. Lange her.»
«Warum?»
Rafaels Augen brannten. «Ich krieg keinen Job.»
«Wegen dem Wodka?»
Rafael hob die Hände. «Es gibt keine Jobs.»
«Andere Leute haben Jobs.»
«Ja», sagte Rafael. «Du hast einen Job. Du hast ja auch einen Onkel.»
«Hast du keinen Onkel?»
«Ich hab einen.»
«Er hat auch keinen Job, stimmts? Dein Vater hat keinen
Job. Deine Brüder haben keine Jobs.»
«Hat schon lange, lange Zeit keine Arbeit mehr gegeben.»
«Was hast du gemacht, als du noch Arbeit hattest?»
«Meinem Bruder mit dem Laster geholfen.»
«Was?»
«Ich hab ihm mit seinem Lastwagen geholfen, ’nem Pickup-
Truck.»
«Also dein Onkel hatte keinen Job für dich, aber dein Bruder.
Und was ist passiert? Ist er den Laster losgeworden?»
«Er hat ihn noch.»
«Er ist was anderes losgeworden – seinen Alkibruder.»
«Gibt keine Arbeit für den Laster. Nicht genug für uns
beide.
Schon lange nicht mehr.»
«Hattest du auch mal einen richtigen Job?»
«Ich hatte einen richtigen Job.»
«Ich meine einen mit ner Versicherung, so was in der Art.
Hast du jemals Steuern gezahlt?»
Rafael atmete aus. «Ich glaube nicht.»
«Hast du irgendwann mal Formulare ausgefüllt, also
Name, Adresse und so was?»
«Glaub nicht.»
«Kannst du lesen und schreiben?»
«Nicht besonders gut.»
«Verheiratet?»
«Sicher.»
«Kinder?»
«Zwei Töchter. Einen Sohn.»
«Wie alt bist du?»
«Einundzwanzig.» Rafael dachte, dass es günstiger war zu
sagen, er sei einundzwanzig. «Bist du der Arbeitgeber?»
«Immer mit der Ruhe. Zuerst die Formalitäten.»
Rafael sagte nichts.
«Also was ist mit deiner Familie?»
«Was soll damit sein?»
«Deswegen willst du den Job.»
Rafael sah nach der geschlossenen Tür in der Seitenwand
des Büros. «Wie lange, glaubst du, kann ich hier rumstehen?»
«Weiß nicht», antwortete der junge Mann. «Wie lange denn?»
Rafael fragte sich, ob der junge Mann etwas dagegen haben
könnte, wenn er sich einen Drink besorgte und dann
wieder zurückk.me.
«Wie viele Brüder hast du?»
«Vier. Einer ist gestorben.»
«Drei Brüder. Alle arbeitslos.»
«Einer hat den Laster.»
«Kennt jemand davon irgendwelche Bullen?»
«Nein. Jedenfalls nicht als Freunde.»
«Hast du gedient?»
«Was heißt das?»
«Armee?»
«Nein.»
«Du warst im Gefängnis.»
«Sicher.»
«Weshalb?»
«Blau gewesen.»
«Weshalb noch?»
«Blau gewesen.»
«Nichts anderes? Einbruch, Raubüberfall, Autodiebstahl?»
«Nur blau gewesen.»
«Alk ist dein einziges Ding?»
«Was?»
«Alkohol.»
«Wodka.»
«Keine anderen Drogen? Nie mit Drogen erwischt worden?»
«Nur gesoffen.»
«Wo wohnst du?»
«Nennt sich Morgantown.»
«Morgantown. Wahrscheinlich würdest du Morgantown
nicht vermissen, was? Irgendwelche Krankheiten?»
«Was meinst du?»
«Ich meine, stirbst du aus natürlichen Ursachen?»
Rafael schaute auf seine Fingerspitzen. «Nein.»
«Du bleibst hier.» Der junge Mann stand von seinem
Schreibtisch auf. «Ich hol meinen Onkel.»
Rafael fragte: «Du meinst, ich bin tauglich?»

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