Goldene Tage

Ich bin ein Scheißkerl. Einige sagen ich sei nur kriminell, aber das trifft die Sache nicht genau. Wer sich umhört, kann auch auf die Meinung stoßen, dass ich ein Künstler sei. Diese Ansicht sollte man nicht ernst nehmen. Ich jedenfalls, tu‘s nicht. Ich habe keine Ahnung, was einen Künstler ausmacht.
Fragen Sie Branco und fragen Sie Zora. Die wissen solche Dinge. Oder Andreas. Der weiß Bescheid.
Kriminell zu sein ist einfach. Diesen Titel kriegt man umsonst. Der wird bei jedem Ladendiebstahl mit eingepackt. Aber Scheißkerl nicht. Den muss man sich erarbeiten. Aber das wurde mir erst später bewusst. Mein Name? Tut nichts zur Sache. Bleiben wir einfach bei dem Namen den Andreas mir gab: Rambo Rimbaud, ,RR‘. Der eine war mir ein Begriff, der andere nicht. Raten Sie, welcher mir ein Begriff war?

Vielleicht hätte ich all das nicht tun sollen. Aber wie ich von Andreas gelernt habe: Es zählt letztendlich nur, was du getan hast. Und nicht das, was du hättest tun sollen. Oder lassen. Aber das wusste ich noch nicht, als ich aus dem pinienduftenden Süden in mein blödes Land zurückkehrte. Den ersten Teil der Strecke blickte ich aus dem Fenster und dachte an die bevorstehende Schwierigkeit, die Grenze zu passieren. Es konnte sein, dass mein Name auf der Fahndungsliste stand und die Grenzer mich bei einem Routinecheck entdeckten und aussteigen ließen. Aber als es soweit war, zeigten die Zöllner kein Interesse an mir, und ich hörte auf daran zu denken.

Den zweiten Teil der Fahrt dachte ich nur noch daran, wie ich an Sigurd und Bodos Geld herankam. Sigurd und Bodo hießen natürlich nicht Sigurd und Bodo, aber ich konnte mir ihre richtigen Namen nicht merken. Da ihre Haare lang und deutsch und wallend waren, der eine blond, der andere schwarz, nannte ich sie Sigurd und Bodo, nach den Comics aus den 60-er Jahren, die ich im Nachlass meines Vaters gefunden hatte. Das war im Übrigen alles, was er mir hinterlassen hatte. Einen turmhohen Stapel Sigurd-Comics. Ich hatte sie noch am Tage seiner Beerdigung verkauft.

Vermutlich weit unter Preis. Aber was soll‘s? Ich hatte das Geld gebraucht. Gleich. Sofort. Und wenn‘s brennt, nimmt man, was man kriegen kann und rennt los. Aber nun war das Geld aufgebraucht. Und ich benötigte gewissermaßen neue ,Sigurd-Comics‘. Und da waren sie auch. Ich war den beiden zu Dank verpflichtet. Ohne ihre Großzügigkeit hätte ich es nicht geschafft von der Insel herunterzukommen. Ich hatte, ohne für Nachschub zu sorgen, mein ganzes Geld ausgegeben. Bankrott zu sein, hat auf einer Insel gewisse Nachteile. Denn die kaputten Straßen enden immer in einem Hafen. Dort musste der Tramp dann aussteigen und sein Glück als blinder Passagier versuchen. Mir blieb diese Anstrengung erspart, denn die beiden nahmen mich in ihrem alten Mercedes mit, und sie bezahlten auch die Überfahrt auf den ,Kontinent‘.
Sigurd und Bodo waren grundanständige Typen, verdienten ihr Geld in einem harten Beruf. Sie waren Betreuer in einem ,Heim für gefallene Mädchen‘, wie sie manchmal halb im Scherz sagten. Aber die Mädchen mit denen sie es ihren Erzählungen gemäß zu tun hatten, waren nicht ,gefallen‘. Die legten sich höchstens zu einer schnellen Nummer hin, beklauten dann den Freier, riefen die Polizei und zeigten ihn wegen Verführung Minderjähriger oder als Vergewaltiger an. Das heißt, sie drohten damit, und unterließen dann doch großzügig die Anzeige, falls der Freier bereit war sein Portmonnaie zu leeren. Es waren gewissermaßen weibliche Kollegen von mir.

Diese ,gefallenen Mädchen‘ aus ihren Erzählungen jagten mir Angst ein. Sie schienen jegliche Skrupel abgelegt, ja, sie schienen nie welche besessen zu haben, und dies unterschied sie doch wesentlich von mir. Ich hatte Skrupel. Noch. Und um diesen wirkungsvoll zu begegnen, häufte ich während der Fahrt Negativpunkte für Sigurd und Bodo an, türmte im Geiste schwarze Chips zu schwarzen, wackligen Türmen und blickte leer aus dem Fenster.
   „Wahnsinn, dieser Reichtum überall“, sagte Sigurd der gerade an der Reihe zu fahren war. Bodo knisterte mit der Karte auf den Knien. Gut. Sie bemeckerten mein blödes Land. Das war 1 schwarzer Chip mehr.
   „Nur noch 3 Zentimeter bis zur Stadt“, sagte Bodo.
   „Da legen wir eine Kaffee-Schiff-Pause ein.“
Das war ihr Spiel mit der Straßenkarte. Sie hatten es aus einem Film, über den sie oft sprachen. Mit Marius Müller-Westernhagen, der als ,Theo‘ seinem gestohlenen Truck hinterherjagt, und seinem Kumpel die Distanzen immer in Millimetern und Zentimetern angab. Es nervte. Noch 1 schwarzer Chip.
Wie auch immer. Sie lagen falsch, was das Land anlangte. Zumindest aus meiner Sicht. Denn wenn ich aus dem Fenster blickte, konnte ich keinen Reichtum sehen. Ich sah nur eine trostlos zersiedelte Gegend mit flachen Betonbauten. Ich wollte sie nicht sehen. Darum beschäftigte ich mich intensiv mit dem Stapeln von unsichtbaren, schwarzen Chips. Die Zeit drängte. Ich musste mir etwas einfallen lassen.