Sauser

Die nächsten Tage brachten keine Änderung der Wetterlage. Es gab nichts als dicken Nebel und Regen. Und noch immer kroch ich buchstäblich auf den Weiden herum und hielt Ausschau nach den Tieren.

   Längst wusste ich nicht mehr, wer ich war und was ich tat. Ich schleppte mich vom Bett in die Ställe, trug die Eimer zur Zentrifuge, kippte die Milch in den Trichter, trank Kaffee und machte mich dann in den nicht mehr trocknen wollenden Kleidern und Schuhen auf und hielt besinnungslos auf den Berg zu.

  Zum Essen war ich zu müde. Manchmal öffnete ich mit klammen Fingern eine Konserve und fraß das kalte Zeug wie ein Schwein über dem Trog. Wenn ich mir beim Aufsäbeln der Dose in den Finger schnitt, so spürte ich es nicht, und das Blut rann gleichgültig und unbeachtet aus der Wunde, bis es eben aufhörte zu rinnen. Mein Leben war eine einzige pochende Wunde geworden, die in einem Rhythmus pulste: „Nicht aufgeben, hff, hff, nicht aufgeben, hff, hff!“

   Nichts kümmerte mich mehr. Ein fluchendes Nichts in der Wüste. Ich hatte keine Gedanken, keine Gefühle, kein Liebe; nur blöder Hass pochte in den Schläfen, während ich die Kälber aus den Felsen hinaus trieb. In zehn Tagen hatte ich nur eine Schachtel Gitanes geraucht, mit den anderen kaum ein Wort gewechselt.

   Dann kam der Tag, an dem sich die Sohlen meiner Schuhe ablösten. Zehn bis zwölf Stunden tägliches Gehen hatte ihnen den Garaus gemacht. Wie sollte ich ohne Schuhe weitermachen? Geld, um mir im Tal welche kaufen zu lassen, besaß ich keins. Also durchsuchte ich den Schuppen und fand dabei ein paar mistverkrustete, Nagelschuhe. Mit einer Bürste und Wasser reinigte ich sie und entdeckte Risse und Löcher, die mir versicherten, dass ich auch weiterhin keine trockenen Füße zu haben brauchte. Wenigstens passten sie.

   Das Einstallen der Kühe hatten wir mittlerweile in den  Griff bekommen, und so teilte ich der Crew unumwunden mit, dass es jetzt mit meiner Mithilfe vorbei war. Natürlich dachten sie, dass ich da oben als Hirte nichts zu hatte und in Regen und Nebel faul an der Sonne lag. Paul sagte es laut. Ich ging auf ihn zu, sah ihn an und hätte ihn ohne weiteres Wort zum Krüppel geschlagen, wenn er weiter geredet hätte.

   Nun schlief ich eine Stunde länger und genoss es, trotz der Geräusche aus der Käserei unten. Ich nahm mir nun auch Zeit für ein Frühstück und für die Pflege meiner Schuhe und Kleider. Langsam erwachte ich aus meiner Starre. Irgendwo fand ich einen kleinen Taschenspiegel. Unter meinen Augen waren breite dunkle Streifen zu sehen, meine Haare standen wirr vom Schädel ab und fühlten sich an wie Draht. Filzige Stoppeln schossen aus Kinn und Oberlippe. Die Wangen waren eingefallen, die Backenknochen traten hervor und die Augen waren zu Schlitzen verengt und glitzerten fiebrig. Ich erblickte einen Wahnsinnigen. Aber mein Bierbauch war verschwunden und meine Hosen ließen sich ohne Probleme zuknöpfen.

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