„Love is Hell ...und wir auch“

DIE TRÄNEN JESU

Die Zeitungen waren voll von dem Mord. Der Boulevard brachte ihn mit einem Foto von der Toten auf der Titelseite. Es war auf Papparazzi-Style aufgeziegelt. Grobkörnig prangte es unter der Schlagzeile: Jetzt morden sie schon Kinder!
In den Fernsehnachrichten kam Fallacker zu Wort, der sich den Fall gekrallt hatte. Er erwähnte eine Jugendbande die von der Polizei festgesetzt worden war und deren Mitglieder gerade vernommen wurden. Alles was er von sich gab klang plausibel, und sein sonorer Bariton verlieh den Worten Gewicht. Er verströmte Sicherheit und Umsicht, und vor allem tappte er den Presseleuten nicht in die Falle.Er sagte gerade soviel über die Bande, dass die Unschuldsvermutung klar zur Geltung kam, und doch ließ er dem Boulevard genügend Holz im Korb, damit sie sich aus den Aussagen eine knallige Schlagzeile schnitzen konnten.

Neben ihm, in stoischer Unbedarftheit, saß Tolstoj. Er hielt als Bildfüller Maulaffen feil. Aber wie konnte ich ihm einen Vorwurf machen? Er tat mir leid, weil er sich Fallacker eingetreten hatte. Fallacker war ein unwirscher, massiver Kerl der durch physische Präsenz punktete und durch Unduldsamkeit den Eindruck von Härte und Kompetenz vermittelte. Aber er war nicht hart. Er gehörte zu jenen Burschen die mit ihrem Auftreten einschüchtern und auf die Tour jeden möglichen Widerstand gleich erstickten. Dahinter stand nichts weiter. Fallacker hatte es einfach geschafft jeder wirklichen Konfrontation aus dem Weg zu gehen und sich so den Nimbus des Unbesiegten gesichert. Ein wahrer Sohn seiner Stadt. Aber ich war mir sicher, dass er einfach nur instinktiv spürte, mit wem er sich anlegen durfte und mit wem nicht. Insgeheim ahnte er wohl, dass sein aufgepumptes Ego bei einer wirklichen Konfrontation in sich zusammenfallen würde, wie ein alter Luftballon, dem man die Verknotung aufschnitt. Aber für Tolstoj reichte es allemal.

Bei Einbruch der Dunkelheit fuhr ich den Straßenstrich rauf und runter. Ich dachte nicht mehr an die Hure die ich suchte, sondern nur an das tote Mädchen. Und an die Gehenkte auf dem Foto, zu Hause auf meinem Salontisch. Das Foto hatte meinem Vater gehört. Russlandfeldzug. Und es zeigte ihn – wie Tolstoj – auf einer Leiter. Er lächelte in die Kamera. Über ihm das wunderschöne, tote Gesicht einer russischen Partisanin.

In meiner rechten Hand am Lenkrad, lag die Glock. Es ging mir einfach eine Spur besser, wenn ich sie in der Hand hielt. Ich bemerkte, dass die Menge der Tränen in einem Zusammenhang mit der Geschwindigkeit des Wagens stand. Je schneller ich fuhr, desto weniger Tränen. Und mit der Pistole in der Hand ging’s mir schon beinahe gut, und wenn jetzt noch die Hure auftauchen würde, wäre alles in Ordnung.
So sprach ich mit mir.
Ich glaubte mir kein Wort.
Aber nicht eines.

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